#43

28.10. bis 04.11.2026

© Playtime

Werkschau: Robert Guédiguian |
Rencontre Robert Guédiguian

Kaum ein französischer Regisseur ist so eng mit einer Stadt verbunden wie Robert Guédiguian mit Marseille. Seit seinem ersten Spielfilm Dernier été (1981) kehrt der 1953 in Marseille geborene Filmemacher immer wieder dorthin zurück. Doch Marseille ist bei Guédiguian weit mehr als ein Drehort: Die Stadt ist sozialer und emotionaler Kosmos, Erinnerungsraum und politischer Schauplatz zugleich. Arbeit und Migration, Liebe und Familie, Armut und Solidarität, politische Hoffnungen und gesellschaftliche Veränderungen verdichten sich hier zu Geschichten. 

Im Zentrum seines Kinos stehen Menschen, die im Film – wie im Leben – allzu oft Randfiguren sind: Arbeiter:innen, Arbeitslose und Rentner:innen, Migrant:innen, Alleinerziehende, …. Guédiguian erzählt nicht über sie, sondern mit ihnen. Seine Figuren sind weder soziale Abziehbilder noch Opfer ihrer Verhältnisse. Er gibt ihnen Raum, Würde und Widersprüchlichkeit. Sie lieben, streiten, scheitern, träumen und suchen nach Formen des Zusammenlebens.  

Werkstattgespräch 
Tü: ICFA 
So 01 | 15.30
Eintritt frei

Gerade aus dieser Nähe zum Konkreten und Persönlichen gewinnt Guédiguians Kino seine politische Kraft. Eine Liebesgeschichte kann bei Guédiguian wie in Marius et Jeannette (1997) zugleich von Klassenverhältnissen erzählen, ein Familienkonflikt wie in Gloria Mundi (2019) oder La Pie voleuse (2024) auf politische und ökonomische Veränderungen verweisen und ein scheinbar alltäglicher Abend unter Freunden zum Abbild einer ganzen Gesellschaft werden. Dabei wechselt Guédiguian gekonnt die Tonalitäten: Sozialdrama, Komödie, Liebesgeschichte und Märchen gehen bei ihm ineinander über. Sein Kino ist weder naiver Optimismus noch ausschließlich düsterer Realismus. Es hält vielmehr beides zusammen. Guédiguian möchte, wie er selbst sagt, die Welt zeigen, »wie sie ist, und wie sie sein könnte«. Sein Marseille ist deshalb nie touristische Postkartenstadt. Es ist das Marseille der Häfen und Fabriken, der Wohnviertel, Cafés und Bars. Besonders L’Estaque, das Arbeiterviertel im Nordwesten der Stadt, wird in seinen Filmen zu einem wiederkehrenden Erinnerungsort. Wie die Stadt Konstante und Ausdruck für Veränderung zugleich ist und dabei den urbanen Wandel über die Jahre hinweg sichtbar macht, treten Kontinuitäten und Alterungsprozesse auch über die „Troupe Guédiguian“, sein Schauspieler:innen-Ensemble, in ein spannendes Wechselspiel: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin und Gérard Meylan gehören seit Jahrzehnten zu den vertrauten Gesichtern seines Kinos. Die Schauspieler:innen altern mit ihren Figuren und so entsteht über die einzelnen Filme hinweg beinahe eine fortlaufende Chronik einer Gemeinschaft – mit ihren Hoffnungen, Konflikten, Verlusten und Neuanfängen. Auch formal setzt Guédiguian auf Beständigkeit. Seine Inszenierungen sind häufig zurückhaltend, konzentrieren sich auf wenige Schauplätze und lassen ihre Nähe zur Tradition des Brecht’schen Theaters erkennen. Und selbst wenn Guédiguian Marseille verlässt – etwa in Le Promeneur du Champ de Mars (2005) oder Twist à Bamako (2021) –, bleiben seine zentralen Fragen dieselben: Was steht zwischen politischer Hoffnung und privatem Lebensentwurf? Was bedeutet Solidarität? Und wie lässt sich die Hoffnung auf eine andere Welt bewahren? Über mehr als vier Jahrzehnte ist so ein Kino entstanden, das vom Lokalen ins Universelle führt. Ein Kino, in dem die Welt in Gesichtern und alltäglichen Entscheidungen beginnt und das von konkreten Orten und Menschen – und dadurch von uns allen erzählt. 

Dernier été

Der letzte Sommer
Frankreich,
1981,
85 min. |
Untertitel Deutsch

Gloria Mundi

Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille
Frankreich,
2019,
107 min. |
Untertitel Deutsch

La Pie voleuse

Stealing Angel
Frankreich,
2024,
101 min. |
Untertitel English

La Ville est tranquille

The Town Is Quiet
Frankreich,
2001,
132 min. |
Untertitel English

Le Promeneur du Champ de Mars

The Last Mitterrand
Frankreich,
2004,
117 min. |
Untertitel English

Marius et Jeannette

Marius und Jeannette
Frankreich,
1997,
102 min. |
Untertitel Deutsch

Robert sans Robert

Robert Without Robert
Frankreich,
2013,
90 min. |
Untertitel English

Twist à Bamako

Frankreich, Senegal, Kanada,
2021,
129 min. |
Untertitel English

Une femme aujourd'hui

A Woman Today
Frankreich,
2025,
122 min. |
Untertitel Deutsch

Robert Guédiguian

Biografie

Robert Guédiguian wurde in Marseille geboren. Sein Vater war Hafenarbeiter und stammte aus einer armenischen Familie, seine Mutter arbeitete als Putzfrau und hatte deutsche Wurzeln. In seiner familiären Herkunft begegnen sich damit zwei historische Erfahrungen: die eines Volkes, das Opfer eines Völkermords wurde, und die eines Volkes, das einen Völkermord beging. Diese widersprüchliche familiäre Geschichte prägte Guédiguians politisches Denken und trug dazu bei, ihn zu einem überzeugten Verfechter der Umverteilung des Reichtums, des Universalismus und des Antirassismus zu machen.  

Anhand des Arbeiterviertels L’Estaque beleuchtet er die Geschichte derer, die er in Anlehnung an Victor Hugo als „arme Leute“ bezeichnet: Arbeiter:innen, Angestellte, Kleinunternehmer, Arbeitssuchende, sozial Ausgegrenzte … Seine Weltanschauung spiegelt sich auch durch das Drehen von Filmen an Orten wie Sarajevo, Eriwan, Beirut oder Dakar wider. Seine Filme wurden siebenmal nach Cannes, viermal nach Venedig und zweimal zur Berlinale eingeladen. 

Filmografie 

2026 Une femme aujourd’hui 
2024 La Pie voleuse
2023 Et la Fête continue ! 
2021 Twist à Bamako 
2019 Gloria Mundi  
2017 La Villa 
2015 Une histoire de fou 
2014 Au fil d’Ariane 
2010 Les Neiges du Kilimandjaro  
2009 L’Armée du Crime 
2007 Lady Jane 
2006 Le Voyage en Arménie
2005 Le Promeneur du Champ de Mars 
2003 Mon père est ingénieur
2002 Marie-Jo et ses deux amours 
2001 La Ville est tranquille 
2000 À l’attaque  
1998 À la place du cœur 
1997 Marius et Jeannette 
1995 À la vie, à la mort ! 
1993 L’Argent fait le bonheur
1989 Dieu vomit les tièdes 
1985 Ki lo sa ? 
1983 Rouge midi 
1981 Dernier été