#43

28.10. bis 04.11.2026

© Pilumpiku Production

Fokus Afrika | Focus Afrique

Geschichten von Menschen und Bäumen

Während Geschichtsschreibung im europäischen Verständnis der Objektivität verpflichtet ist, sind in Westafrika Griots und Griottes Träger der Überlieferung.

Ein Griot, in den Mandé-Sprache auch »Djeli« genannt, ist Geschichtenerzähler, Musiker, Poet und personifiziert damit das kollektive Gedächtnis einer Familie, eines Dorfes, einer Stadt oder sogar einer ganzen Nation. Als Bewahrer von Geschichte, Genealogien und kulturellem Wissen kommt ihm damit eine große Autorität und Verantwortung zu. Gerade die weiblichen Griottes nehmen dabei eine besondere Rolle ein: Sie verschaffen sich auch in patriarchal geprägten Gesellschaften Gehör und bewahren weibliche Perspektiven in der mündlichen Überlieferung. Griot:te zu werden ist keine individuelle Entscheidung, sondern eine Berufung durch die Gemeinschaft. Man wird als Griot:te geboren, aber erst durch die Initiation wird man Griot:te.

Die Bedeutung der Griot:tes und die Tradition mündlicher Überlieferung zwischen den Generationen findet sich – mal stärker, mal nur am Rande – auch in einigen der diesjährigen Filme wieder. In Djeliya, mémoire du Mandé, begibt sich Sékou Timité auf eine Initiationsreise durch das Mandingoreich Westafrikas und überquert dabei immer wieder Landesgrenzen. In Dao begegnen sich Leben und Tod. Das Abschiedsritual eines Patriarchen in einem Dorf in Guinea-Bissau wird der Hochzeitsfeier seiner Enkelin in Frankreich filmisch gegenübergestellt. Für die Zeremonie reist die französische Familie nach Guinea-Bissau, wo zwei Welten und Generationen aufeinandertreffen. Der Mord an dem namenlosen »Araber« aus Albert Camus‘ »Der Fremde« steht im Zentrum des Films L’Arabe, erzählt aus der Perspektive des jüngeren Bruders des Opfers. Der Tod von Moussa überschattet das gesamte Leben des Erzählers. Abzureißen droht die Tradition in der Familie von Josette in La maison du vent. Für die in Europa verstreuten Kinder hat sie in Yaoundé ein Haus gebaut, das wahrscheinlich niemand von ihnen je bewohnen wird. Congo Boy, unser diesjähriger Wettbewerbsbeitrag, ist nach mehr als 20 Jahren der erste Spielfilm aus der Zentralafrikanischen Republik. Robert, ein jugendlicher Flüchtling aus dem Kongo, der sich allein um seine Geschwister kümmern muss, entdeckt sein Talent für die Musik und reiht sich damit in die große Tradition des Griots ein. In Alea Jacarandas erzählt Schriftsteller Ameziane Ferhani die Geschichte des aus Südamerika stammenden und von den Kolonialherren mitgebrachten Jacaranda-Baumes. Gemeinsam flanieren Vater und Sohn mit der Kamera durch die Stadt Algier. So wird der Vater gewissermaßen zu einem Griot, der die Schönheit Algiers zum Ausgangpunkt seiner Geschichten macht. Nicht die erzählerische Distanz eines Griots, sondern die unmittelbare Wut und auch Verzweiflung der kongolesischen Jugend brechen sich in Trop c’est trop – Genug ist genug ihre Bahn. Auch die ruandischen Frauen in Ben’Imana sind mit den widersprüchlichen Gefühlen einer schmerzhaften Vergangenheit konfrontiert. Sie setzen sich 2012 während der sogenannten Gacaca-Tribunale (Prozesse lokaler Gerichte zur Aufarbeitung des Genozids) mit den Folgen der Gewalt auseinander. Ein zweiter Film aus Ruanda – Phiona, la fille de Madrid – erzählt kammerspielartig und mit überzeugenden Darstellerinnen leise von den Erfahrungen einer jungen Generation, insbesondere der Frauen in Kigali, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie. So wirft die diesjährige Auswahl an afrikanischen Filmen thematisch und künstlerisch verschiedene Blicke auf transnationale und -kontinentale Verbindungen, Geschichten und Traditionen. 

Alea Jacarandas

Algerien, Frankreich,
2026,
78 min. |
Untertitel English

Ben'Imana

Ruanda, Gabun, Frankreich, Norwegen, Elfenbeinküste,
2026,
101 min. |
Untertitel English

Dao

Frankreich, Senegal, Guinea-Bissau,
2026,
185 min. |
Untertitel Deutsch

Djeliya, mémoire du Mandé

Djeliya, Memory of Mandingo
Burkina Faso, Elfenbeinküste, Mali, Senegal, Frankreich,
2026,
112 min. |
Untertitel English

L'Arabe

Algerien, Frankreich, Schweiz,
2026,
106 min. |
Untertitel English

La Maison du vent

House of the Wind
Kamerun, Frankreich, Belgien, Benin,
2026,
102 min. |
Untertitel Deutsch

Phiona, la fille de Madrid

Phiona, the Girl from Madrid
Ruanda, Frankreich,
2025,
65 min. |
Untertitel English

Trop c'est trop

Frankreich, Demokratische Republik Kongo,
2026,
65 min. |
Untertitel English

Veranstaltungsprogramm

Gesprächsrunde Fokus Afrika

Erinnern, was weiterlebt: Aus der filmischen Auseinandersetzung mit dem Tod lernen

Alle Kulturen sind auf vielfältige Weise von der Auseinandersetzung mit dem Tod geprägt. Die diesjährige Auswahl afrikanischer Filme lädt dazu ein, unsere Beziehung zu den Verstorbenen zu erkunden und – wie die belgische Philosophin Vinciane Despret es formuliert – danach zu fragen, wozu uns unsere Verstorbenen bewegen. Welche Geschichten erzählen wir über sie? Wie bewahren wir die Verbindung zu ihnen? Und in wiefern kann diese Verbindung lebendig bleiben und sogar Zukunft schaffen? Anhand der Filme möchten wir diesen Fragen gemeinsam nach gehen, miteinander ins Gespräch kommen und dabei auch von unseren unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven profitieren.

Zu Gast:
Rafiki Fariala, Regisseur von Congo Boy
Boubacar Sangaré, Regisseur von Djeliya, mémoire du Mandé
Auguste Bernard Kouemo Yanghu, Regisseur von La Maison du vent
Katy Correa, Schauspielerin in Dao

Moderation: Sophie Salbot, Produzentin

Tü: Stadtmuseum
Sa 31 | 15.00
Eintritt frei

In Kooperation mit dem Romanischen Seminar, dem Interdisciplinary Centre for Global South Studies und dem Zentrum für frankophone Welten der Universität Tübingen, in Zusammenarbeit mit Susanne Goumegou, Professorin für Romanische Philologie und Direktorin des ICGSS (Interdisciplinary Centre for Global South Studies) und Thierno Dia, Soziologe und Chefredakteur von Africiné. 

Vorstellungen in Kooperation mit dem Linden-Museum

In Zusammenarbeit mit dem Linden-Museum Stuttgart laden wir zu einem „Fokus Afrika“-Abend ein. Gezeigt werden die beiden Filme Trop c’est trop und Djeliya, mémoire du Mandé.  

Zu Gast: Boubacar Sangaré, Regisseur von Djeliya, mémoire du Mandé 

Moderation: Dr. Noam Gramlich, Linden-Museum Stuttgart 

Trop c’est trop
S: Linden-Museum Stuttgart
Mo 02 | 18.30

Djeliya, mémoire du Mandé 
S: Linden-Museum Stuttgart 
Mo 02 | 20.00