27. Französische Filmtage Tübingen | Stuttgart

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In anregender Festivalatmosphäre, bei ambitionierten Diskussionen und einem Kino, das in neue Richtungen, zeigt stürzte sich das frankophile Publikum in Tübingen und Stuttgart mit Leidenschaft auf die Welt des Films – die 27. Französischen Filmtage feierten das junge Cinéma francophone von Frankreich über Québec bis nach Afrika. Das Resüme von Festivalleiter Christopher Buchholz:

„Dieses Jahr haben wir vom Fachpublikum viel Anerkennung für das hohe Niveau der Filmauswahl erhalten. Ein Highlight für mich war natürlich die Begegnungen mit unseren Stargästen Claude Lelouch und Bruno Dumont. Ich bin außerordentlich glücklich über den Erfolg der Masterclasses von Bruno Dumont, Christopher Thompson und Claude Lelouch, des Montage-Workshops unter der Leitung von Mathilde Bonnefoy, der Diskussionen über Rohmer und das Bild der Frau in unserer Gesellschaft, und vor allem über die Tatsache, dass diese Begegnungen von Festival-TV festgehalten wurden und nun den Anfang einer Archiv-Bibliothek machen werden, die wir online zur Verfügung stellen, für alle, die sich dafür interessieren. Das hohe Niveau und die hohe Qualität der Diskussionen und der Einwände haben Dokumente von großer Bedeutung und eine immense Quelle der Inspiration geschaffen.

Das Forum Africanum war ebenfalls äußerst erfolgreich, und die Stuttgarter Zuschauer haben sich auf außergewöhnliche Weise amüsiert.

Alles in Allem und für Alle war das Festival absolut fantastisch und ich möchte mich bei allen Künstlern, Mitgliedern der Jury, Zuschauern und vor allem bei meinem Team für die Freude bedanken, das Interesse, die Professionalität und die schöne Atmosphäre, die sie dem Festival gebracht haben. 1000 Dank, mir bleiben unvergessliche Momente!“

Filmtage Tübingen Preis

Ein wenig diskutieren mussten die Juroren der Internationalen Jury Romain Goupil (Präsident), Marcela Iacub, Mathilde Bonnefoy, Sophie Salbot und Francesco Ranieri Martinotti. Dann war die Entscheidung klar: „Les signes vitaux – Lebenszeichen“ (Kanada 2010) von Sophie Deraspe erhält den 3. Tübinger-Filmtage-Preis, dotiert mit 5.000 Euro, gestiftet von Kinomäzen Volker Lamm.

Begründung: „Wir haben entschieden, den Großen Preis der Jury an „Les signes vitaux“ von Sophie Deraspe zu verleihen, für die Kraft und die Selbstverständlichkeit, mit der der Film ein unmöglich wiederzugebendes Sujet behandelt, den Tod, und das alles, indem er den Zuschauer teilhaben lässt, an diesem großen, existenziellen Mysterium.“

Tübinger Publikumspreis: Verleihförderpreis

Das Tübinger Publikum hat sich entschieden, den deutschen Kinofans „Les mains en l’air – Hände hoch“ von Romain Goupil (Frankreich 2009) zu empfehlen, und hat ihm den 19. Tübinger Publikumspreis verliehen. Dieser ist mit 2.500 Euro dotiert, die Volker Lamm von den „Vereinigten Lichtspielen“ stiftet.

An den Tübinger Publikumspreis ist dieses Jahr zum ersten Mal der Verleihförderpreis gekoppelt. Das bedeutet, es gibt keine Jury im eigentlichen Sinne, die diese hohe Auszeichnung verleiht, somit auch keine Begründung. Aber welche Begründung und welche Jury könnten besser sein, als ein begeistertes Publikum?! „Les mains en l’air – Hände hoch“ von Romain Goupil (Frankreich 2010) hat den Zuschauern der 27. Französischen Filmtage am besten von allen Filmen gefallen. Und sobald ein Verleihunternehmen den Film in Deutschland herausbringen möchte, erhält es die Siegprämie von 20.000 Euro des Verleihförderpreises, die zu gleichen Teilen Unifrance und die MFG Filmförderung Baden-Württemberg stiften. Die feierliche Preisübergabe durch Régine Hatchondo (Unifrance) und MFG-Geschäftsführerin Gabriele Röthemeyer erfolgt vor dem Filmstart von „Les mains en l’air – Hände hoch“ voraussichtlich in Berlin.

Stuttgarter TV5Monde Publikumspreis

Der Stuttgarter TV5-Monde Publikumspreis geht an „Toumast – entre guitare et kalachnikov (Toumast – Gitarren und Kalaschnikov)“ von Dominique Margot (Schweiz 2010). Die Schweizer Regisseurin taucht behutsam in die Kultur der Tuareg ein. Es gelingt ihr, die Vielschichtigkeit und die Konflikte dieses Volkes aufzuzeigen. Die Tuareg leben seit Jahrhunderten in Gleichberechtigung von Mann und Frau ihre Nomadentradition. Sie wollen sich nicht den von den Staaten auferlegten Regeln beugen und leiden unter der Ausbeutung ihrer angestammten Gebiete. Frieden ohne Freiheit, sagen die Tuareg-Frauen, kann es nicht geben. „Toumast“ bedeutet „Identität“. Der Protagonist Moussa ag Keyna, ausgebildeter Soldat, war zu Gast bei den Französischen Filmtagen. Er beschloss eines Tages in seinem Kampf um Freiheit auf Gewalt zu verzichten und versucht mit seiner Musik, die Welt auf das Leid seines Volkes aufmerksam zu machen.

Das Preisgeld in Höhe von 2.500 Euro für die Regisseurin kommt zu gleichen Teilen von der Stadt Stuttgart und von TV5-Monde.

Kritikerpreis

Die Filmkritikerjury – bestehend aus drei Mitgliedern des Verbands der deutschen Filmkritik: Kira Taszman, Marc Hairapetian und Karlheinz Oplustil – vergibt den Preis des Verbands der Deutschen Filmkritik an den besten Nachwuchsfilm. Die Jury hat sich für „Les secrets – Geheimnisse“ von Raja Amari (Tunesien/Schweiz/Frankreich 2010) entschieden.

Begründung: „Der Film der tunesischen Regisseurin Raja Amari erzählt eine ungewöhnliche und radikale Geschichte. Heimlich leben drei Frauen in einem verlassenen Palast. Sie bilden eine isolierte Gemeinschaft, die durch dunkle Geheimnisse verbunden ist. Als die Besitzer des Anwesens zurückkehren, prallen zwei Welten aufeinander: eine archaische und eine moderne Lebensweise. In eindringlichen Bildern, die ein allegorisches Wechselspiel von Licht und Schatten erzeugen – und nicht zuletzt durch die intensive Darstellung der Schauspielerinnen – entfaltet sich ein grausames Märchen.“

Die Auszeichnung ist dotiert mit 2.000 Euro für die Regie, gestiftet vom Kinobetreiber Peter Erasmus, Arthaus Filmtheater Stuttgart GmbH.

Bewegte Bilder Kurzfilmpreis

Den 5. Kurzfilmpreis vergibt die Internationale Jury an „Na-Wewe“ (Belgien 2010) von Ivan Goldschmidt. Der Preis ist mit 1000 Euro dotiert, gestiftet von der Bewegte Bilder Medien AG in Tübingen für den Regisseur.

Begründung: „Wir haben uns entschieden, den Kurzfilmpreis an „Na-Wewe“ von Ivan Goldschmidt zu vergeben, für die Art und Weise wie der Film, mit den Waffen des Humors, die Illusion der Abstammung im Kontext eines Genozides, dekonstruiert.“

Tübinger Schnittpreis

Für besonders gelungen befindet die internationale Jury die Montage des Films „Un poison violent – Ein starkes Gift“ von Katell Quillévéré, geschnitten von Thomas Marchand (Frankreich 2010). Der Cutter erhält das Preisgeld von 500 Euro, gestiftet von Stefan Paul, Arsenal, und eine „Kodak Playsport“ Digitalkamera.

Begründung: „Die Jury verleiht den Preis für die beste Montage an den Film „Un poison violent“ von Katel Quillévéré, geschnitten von Thomas Marchand, für das Fingerspitzengefühl und die Eleganz, mit der es die Montage geschafft hat, viele der Themen des Films im Unausgesprochenen abzuhandeln.“

Preis der Schülerjury

Die Schülerjury, bestehend aus 5 Tübinger und Mössinger SchülerInnen, empfiehlt jugendlichen Kinofreunden den amüsanten und aufschlussreichen Dokumentarfilm „Ce n´est qu´un début – Das ist nur ein Anfang“ von Jean-Pierre Pozzi und Pierre Barougier (Frankreich 2010).

Begründung: „Die fünfjährigen Philosophen beeindrucken mit klugen Ideen zu Themen wie Herrschaft, Freiheit, Liebe und Tod. Die Idee, Kinder zum Denken und diskutieren anzuregen und sie als Publikum dabei beobachten zu dürfen, hat uns überzeugt. Alles in Allem ist es ein Film, den es sich sicher auch lohnt, ein zweites Mal zu sehen.“