26. Französische Filmtage Tübingen | Stuttgart

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In anregender Festivalatmosphäre, bei ambitionierten Diskussionen und einem Kino, das in neue Richtungen zeigt stürzte sich das frankophile Publikum in Tübingen und Stuttgart mit Leidenschaft auf die Welt des Films – die 26. Französischen Filmtage feierten das junge Cinéma francophone von Frankreich über Québec bis nach Afrika. Das Resüme von Festivalleiterin Andrea Wenzek: „Dieses Jahr haben wir vom Fachpublikum viel Anerkennung für das hohe Niveau der Filmauswahl erhalten. Ein Highlight für mich war natürlich die Begegnung mit unserem Stargast Sandrine Bonnaire.“

Ein warmer Preisregen rieselt am Abschlussabend im kalten November auf die Filmemacher herab, 33.000 Euro insgesamt. Auch in diesem Jahr gibt es Mehrfachsieger. Die aufrüttelnde Dokumentation über französische Atomversuche in Algerien „Gerboise bleue“ von Djamel Ouahab erhält drei Auszeichnungen. Auch das packende algerische Roadmovie „Inland“ von Tariq Teguia haben zwei Jurys gewählt; ebenso die Geschichte um den jungen Iraker Bilal, der versucht, den Ärmelkanal schwimmend zu durchqueren: „Welcome“ von Philippe Lioret.

Tübinger Filmtage Preis

Eine eindeutige Entscheidung war es für die Juroren der internationalen Jury Jahman Oladejo Anikulapo, Jens Börner und Nicolas Feodoroff: „Inland“ (Frankreich/Algerien 2008) von Tariq Teguia erhält den 2. Tübinger-Filmtage-Preis, dotiert mit 5.000 Euro von Kinomäzen Volker Lamm.

Begründung: „Mit einer bemerkenswerten formalen Strin­genz und einer großen Präzision der Kadragen und der Montage stellt sich der Film gesellschaftlichen und politischen Fragen, ohne dabei jemals illustrativ zu sein. Er lässt uns eintauchen in immer wieder aufs Neue überraschende Eindrücke aus einer für uns fremden Welt, in die politische Realität eines weiten Landes, des heutigen Algerien mit all seinen Spannungen, Widersprüchen und Utopien.“

Preis des Verbands der Deutschen Filmkritik

Auch die Mitglieder der Kritikerjury Frank Arnold, Gregor Ries und Harald Witz haben sich für „Inland“ (Frankreich/Algerien 2008) entschieden. Sie vergeben den Preis des Verbands der Deutschen Filmkritik an den besten Nachwuchsfilm. Die Auszeichnung ist erstmals dotiert mit 1.000 Euro, gestiftet vom Kinobetreiber Peter Erasmus von der Arthaus Filmtheater Stuttgart GmbH.

Begründung: „Im Zentrum des zweiten Spielfilms von Regisseur Tariq Tegua steht ein junger Landvermesser. Dessen Bestandsaufnahme einer Region weitet der Film zu einer Vermessung der algerischen Gesellschaft. Als sein Protagonist auf eine junge Schwarzafrikanerin trifft, die als Flüchtling unterwegs ist, gibt er seine beobachtende Haltung auf und vollzieht mit einer selbstlosen Tat den Schritt zum verantwortungsvollen Handeln. Zwischen folgenlosen philosophisch-politischen Debatten und dem bewussten Handeln, zwischen urbaner Modernität und archaischer Landschaft, zwischen Obrigkeitstreue und Eigeninitiative vollzieht sich diese Entwicklung. Die elliptische Erzählstruktur ebenso wie die nüchterne Betrachtungsweise fordert den Zuschauer heraus, die dramaturgischen Brüche und Auslassungen mit seinen eigenen Erfahrungswelten in Beziehung zu setzen. Dem Regisseur gelingt es damit, aus der Fremdheit des Maghreb eine universelle Moralität herauszuschälen.“

DFJW-TV5Monde-Preis

Der 4. DFJW-TV5Monde-Preis geht an „Gerboise bleue“ (Frankreich 2009) von Djamel Ouahab. Die fünf jungen Cineasten aus Frankreich, Québec und Deutschland vergeben den mit 2.000 Euro dotierten Preis für den Verleih in Deutschland.

Begründung: „Mit großer Eindringlichkeit gefilmt, vereint „Gerboise bleue“ das Einzigartige mit dem Universellen. Ausgehend von einem Thema, das zunächst auf Frankreich beschränkt scheint (die Atombombentests in Algerien in den 1960er Jahren), hinterfragt der Film durch eine politische und zugleich ethische Geste unsere „moderne“ Gesellschaft.

Er zeigt uns, dass das Kino durch die Kraft der Zeugenschaft unsere Geschichtsschreibung nachträglich beeinflussen kann und gibt so den Opfern ihre Anerkennung und Würde zurück.

Wir – als jüngere Generation – halten es für sehr wichtig einen Film zu unterstützen, der sowohl die Sinne wach hält als auch an die Bedeutung unser aller Verantwortung erinnert.“

Tübinger Publikumspreis

Das Tübinger Publikum hat sich ebenfalls für „Gerboise bleue“ (Frankreich 2009) von Djamel Ouahab entschieden. Der 18. Tübinger Publikumspreis ist mit 2.500 Euro dotiert, die Volker Lamm von den „Vereinigten Llichtspielen“ stiftet.

Publikumspreis der Landeshauptstadt Stuttgart

Und auch der 3. Publikumspreis der Landeshauptstadt Stuttgart geht an „Gerboise bleue“ (Frankreich 2009) von Djamel Ouahab. Die Stadt hat die Auszeichnung ebenfalls mit 2.500 Euro ausgestattet.

Kurzfilmpreis

Den 4. Kurzfilmpreis vergibt die internationale Jury an „C’est gratuit pour les filles“ (Frankreich 2009) von Marie Amachoukeli und Claire Burger – eine intensive Betrachtung zweier junger Mädchen, die von der Selbständigkeit träumen.

Begründung: „Ein Film zwischen großen Plänen und tiefer Verletzung, dabei jedoch voller jugendli­cher Energie. Mit stimmigen Dialogen und einem durchweg bemerkenswerten En­semble junger Darsteller gelang den Regisseurinnen ein temporeich inszeniertes, schnörkellos erzähltes und spannendes Sozialdrama, das sich nie über seine jungen Protagonisten erhebt und auch nie mitleidig oder sentimental wird.“

Preis der Schülerjury

Die Schülerjury vom Keppler-Gymnasium in Tübingen empfiehlt jugendlichen Kinofreunden das spannende Flüchtlingsdrama „Welcome“ (Frankreich 2009) von Philippe Lioret“.

Begründung: „Durch die Geschichte eines Flüchtlings wird ein heikles politisch aktuelles Thema präsentiert. Der Film zeigt, wie sowohl durch Liebe, als auch durch einen starken Willen geographische, kulturelle und soziale Grenzen überwunden werden können.

Trotz des Scheiterns der Hauptperson manifestiert sich eine Botschaft der Hoffnung und ein Aufruf zum Handeln gegen die Ungerechtigkeit in unserer heutigen Gesellschaft.“

Verleihförderpreis

Der 11. Verleihförderpreis, gestiftet von Unifrance und der MFG Filmförderung Baden-Württemberg, geht ebenfalls an „Welcome“ (Frankreich 2009) von Philippe Lioret. Die Jury, bestehend aus Claudine Sulyok, Magret Köhler und Michael Spiegel vergibt den mit 20.000 Euro dotierten Preis zur Unterstützung des Arsenal Filmverleihs beim deutschen Kinostart von „Welcome“ am 4. Februar.

Begründung: „Welcome verknüpft das politisch brisante Thema Migranten mit existenziellen Werten wie Freundschaft und Liebe in all ihren Facetten. Das zutiefst bewegende, vielschichtige Drama besticht durch genaue Figurenzeichnung, viel Sinn für Realismus und großer Emotionalität. In einer universellen Geschichte ohne Schwarz-Weiß-Malerei. beschreibt Philippe Lioret Individuen in Ausnahmesituationen, die gegen vermeintliche Schicksalshaftigkeit kämpfen. Ein herausragendes Plädoyer für Menschlichkeit.“