23. Französische Filmtage Tübingen | Stuttgart

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Lange Schlangen vor den Kinokassen, lebhafte Diskussionen in den Sälen: das Tübinger und Stuttgarter Publikum tauchte begeistert in die Welt des aktuellen frankophonen Films ein, welche die FRANZÖSISCHEN FILMTAGE in ihrer ganzen Bandbreite mit mehr als 80 Filmen aufzeigten. Rund 13000 Zuschauer strömten in diesem Jahr in die Kinos. Festivalleiterin Andrea Wenzek über den Erfolg ihrer zweiten FRANZÖSISCHEN FILMTAGE: „Mich freut sehr, dass das breite Spektrum unseres Programms alle Generationen anspricht.“ Publikumsrenner waren schwungvolle Beziehungskomödien wie „Coeurs“ des Altmeisters Alain Resnais, der Kompilationsfilm „Paris je t’aime“ über die Stadt der Liebe in allen Variationen. Eine große Entdeckung für die deutschen Zuschauer war Emmanuel Mouret, dem die diesjährige Werkschau gewidmet war.

Preis der deutsch-französichen Jugendjury

Zum ersten Mal wurde in diesem Jahr der Preis der deutsch-französichen Jugendjury verliehen. Sieben Studenten aus Deutschland und Frankreich, eingeladen vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) und dem frankophonen Fernsehsender TV5Monde, haben sich für ein eindrucksvolles Debüt entschieden: 13 Tzameti von Gela Babluani. Der 1979 in Tbilissi in Georgien geborene Regisseur ging 17jährig nach Paris. Sein düsterer, schonungslos spannender Thriller über die perversen Spiele einer Geheimgesellschaft beeindruckte die Jugendlichen als dem künstlerisch gelungensten Film.

Begründung: „Der zeitlose Film entführt den Zuschauer in eine düstere Welt der Ungewissheit. Fasziniert und abgestoßen zugleich wird er ungewollt zum Voyeur eines tödlichen Roulettes. Die Kraft der atmosphärischen Schwarz-Weiß Bilder hinterlässt seine Spuren.“

TV5Monde unterstützt die deutsche Kinoauswertung des Gewinners mit 5000 € in Form von Werbemitteln.

Verleihförderpreis

An La tourneuse de pages von Denis Dercourt ging der Verleihförderpreis, gestiftet vom französischen Filmexportverband Unifrance und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG). Die Jury bestand aus: Claudine Sulyok, MFG; Peter Erasmus, Kinobetreiber in Stuttgart und Wilfried Reichert, Journalist, Filmproduzent und ehemaliger Leiter der WDR-Filmredaktion. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis soll den Verleih dabei unterstützen, den Film La tourneuse de pages in Deutschland in die Kinos zu bringen.

Begründung: „Die Geschichte einer Rache inszeniert Denis Dercourt in der Tradition Claude Chabrols. Französisches cinéma de qualité; schnörkellose mise en scène, ausdrucksstarke schauspielerische Präsenz. Die Schönheit und der hintergründige Horror der Provinz schaffen eine Spannung, die durch besondere musikalische Akzentuierung ihren eigenen Reiz erhält.“

Tübinger Publikumspreis

Der 15. Tübinger Publikumspreis ging an die gefühlvoll gezeichnete Studie einer ungewöhnlichen Ménage à trois: Sept Ans von Jean-Pascal Hattu. Inspiriert von einem Dokumentarfilm über eine Gefängniswärterin drehte der 1962 geborene Pariser Hattu seinen ersten Spielfilm über ein kompliziertes Beziehungsgefüge durch Gefängnismauern hindurch.

Der Regiepreis, gestiftet von den „Vereinigten Lichtspielen“ und den „Arsenal Kinobetrieben“ aus Tübingen, ist mit 3.500 Euro dotiert.

Stuttgarter Publikumspreis

Zum ersten Mal wurde der von der Landeshauptstadt Stuttgart gestiftete Stuttgarter Publikumspreis verliehen. Die Stuttgarter Zuschauer entschieden sich für La vraie vie est ailleurs des jungen Schweizers Frédéric Choffat: ein leichter Liebesreigen über drei junge Menschen, die sich am Genfer Bahnhof in den Zug steigen und auf ihren nächtlichen Fahrten schicksalhafte Begegnungen erleben.

Die Landeshauptstadt Stuttgart stattet diesen Regiepreis mit 2500 Euro aus.

Preis des Verbands der Deutschen Filmkritik

Den Preis des Verbands der Deutschen Filmkritik, hat die Jury, bestehend aus Dr. Gerald Koll, Bodo Schönfelder und Marc Hairapetian, ebenfalls an 13 Tzameti von Gela Babluani vergeben.

Begründung: „Der Film steht in der besten Tradition des französischen Film Noir. Ungewöhnlich für die heutige Zeit ist die Schwarzweißfotografie, die mit gezieltem Spiel von Licht und Schatten Physiognomien modelliert. Die Geschichte geht vom Elend der Arbeitsemigranten in Paris aus und versucht mit den Mitteln des Genres-Kinos, Alltagsrealität und scheiternde Träume eines besseren Lebens zu visualisieren. Mit für einen Nachwuchsregisseur erfreulicher Kompetenz und Stringenz, die in ihrer ästhetischen Umsetzung nicht poetischer und surrealer Momente entbehrt, werden die Erfahrungen eines jungen Ausländers, der sich einem barbarischen Reglement – dem russischen Roulette – ausliefert aufgefaltet bis zu ihrem fatalen Ende.“

Eine lobende Erwähnung sprach die Jury für den französischen Dokumentarfilm La Consultation von Hélène de Crecy aus – ein Panorama der Gesellschaft im Sprechzimmer eines Arztes.

Begründung: „Es ist uns ein Anliegen, einen Film zu erwähnen, der gleichermaßen mutig, spannend, intensiv, beherzt und außerdem dezent und human ist.

Wir möchten einer Regisseurin unseren Respekt dafür aussprechen, mit welcher Direkt heit und Konsequenz sie uns am Alltag eines Mannes teilhaben lässt, der mehr ist als ein Hausarzt, sondern darüberhinaus ein Seelsorger und Ratgeber..“

Die herzliche Stimmung beim Festival und die intensiven Diskussionen mit dem Publikum beeindruckten die aus Frankreich, Belgien, der Schweiz, dem Benin, Algerien, Kongo und Holland angereisten Filmemacher sehr. Das Interesse der Zuschauer, sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinanderzusetzen, spiegelt die inhaltliche Entwicklung des frankophonen Films, Kino wieder zu einem Ort der politischen und sozialen Auseinandersetzung zu machen. „Die Resonanz auf die Filme zur Aufarbeitung der postkolonialen Geschichte, zur Migration von Afrika nach Europa und auf das Kino aus dem Maghreb war enorm – für uns eine große Bestätigung“, so Andrea Wenzek.

Die Französischen Filmtage werden vom Staatsministerium Baden-Württemberg, von den Städten Tübingen und Stuttgart, der LFK Stuttgart, der MFG Baden Württemberg, dem BKM in Berlin, der Französischen Botschaft und Unifrance Film International gefördert. Das Deutsch Französische Jugendwerk, das Institut Culturel Franco-Allemand in Tübingen und das Kommunale Kino Stuttgart gehören zu den vielen Kooperationspartnern des Festivals. Medienpartner sind TV5Monde, Arte, sowie das Schwäbische Tagblatt.